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Erinnerungen

Es gehört zu den Eigenheiten der älteren Jahrgänge, dass sie gern Geschichten aus alter Zeit erzählen. Man möge ihnen dies nachsehen. Alt zu werden ist ja auch kein besonderer Verdienst, sondern eine rein biologische Entwicklung. Wir werden alle alt, ob wir es wollen oder nicht.
Mein Eintritt in die Tabakbranche erfolgte im Jahre 1950 im jugendlichen Alter von 20. Ich erinnere mich gern an die Jahre in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, denn damals war die Welt für die Freunde des Tabaks und des Tabakgenuss noch in Ordnung. Wir waren alle davon überzeugt, dass die Tabakbranche eine gute Branche ist, krisenfest und nicht abhängig von wirtschaftlichen, konjunkturellen Entwicklungen. Denn der Mensch kann auf Vieles verzichten, nicht aber auf den Tabak.
Ich begann meine Tätigkeit auf den Rohtabakauktionen an der Westküste der Vereinigten Staaten, in Virginia, South und North Carolina, Tennessee, Kentucky und Maryland, weil wir damals in der Schweiz noch an einer kleineren Zigarettenfabrik beteiligt waren. In den 50er Jahren rauchten die Schweizer vornehmlich noch Maryland-Cigaretten, und nach Abschluss meiner Lehrmonate als Praktikant in den Südstaaten tätigte ich in Maryland meinen ersten Rohtabakeinkauf. Das war übrigens sehr einfach. Ich kaufte die besten verfügbaren Sortierungen und meine »Patrons« waren damit sehr zufrieden. Meine Welt war die Tabakwelt. Sie ist es übrigens auch heute noch. Wie ein Wanderprediger zog ich durch fast alle Tabakanbaugebiete in Nord- und Südamerika und in der Karibik. Und überall wurde geraucht. Die Landwirte rauchten und kauten den ganzen Tag, sie spuckten im Winter in den Lagerhäusern die gekauten Tabakreste auf die glühenden Eisenöfen, dass es nur so zischte. Rauchverbote und Nichtraucherzonen waren unbekannt. Die Swissair bot ihren 1. Klasse-Passagieren auf den langen Überseeflügen nach dem Essen jeweils noch eine Montecristo an. Passivrauch war ein Fremdwort. Gut, es gab natürlich immer eine kleine Minderheit, die sich am Rauch störte. Darauf nahm man auch Rücksicht, ohne dass es dafür eine staatliche Gesetzgebung brauchte.
Inzwischen haben sich die Zeiten verändert. Oder doch nicht? Ich meine, dass sich nicht die Zeiten verändert haben, sondern die Menschen. Eine militante Minderheit will dem Menschen den Tabakgenuss ganz verbieten. Vor wenigen Tagen ging die nachstehende Meldung durch die Presse: »Die EU-Kommission strebt bis zum Jahre 2030 ein rauchfreies Europa an.« Damit ist sie Erfüllungsgehilfe der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, zur Umsetzung der sogenannten »Framework Convention of Tobacco Control« zur Bekämpfung des Tabakgenusses auf allen denkbaren Ebenen, angefangen bei der Landwirtschaft über sämtliche wirtschaftlichen Stufen bis zum Endverbraucher. Dass damit Millionen von Existenzen vernichtet werden, spielt keine Rolle. Der neue, für die Gesundheitspolitik zuständige EU-Kommissar John Dalli aus dem Zwergstaat Malta, hat zur Profilierung der Leistungen von Brüssel gerade wieder eine Breitseite gegen den Tabak abgeschossen. Kolportiert werden dabei immer wieder dieselben statistischen Zahlen der weltweit Millionen von Raucher- und Passivrauchertoten, die nicht überprüfbar sind. Es ist dieselbe Aussage, die stets wiederholt wird: Rauchen und Passivrauchen sei die größte vermeidbare Todesursache der Menschheit. Diese ganzen Kampagnen laufen unter dem Titel »Prävention«, aber das Ziel ist die Prohibition. Niemand bestreitet, dass jeder Tote, der vermieden hätte werden können, ein Toter zu viel ist. Ich bin inzwischen seit 60 Jahren in dieser Branche tätig. Meine ganze Umwelt setzte und setzt sich seit eh und je aus Rauchern und Passivrauchern zusammen, in unseren Werken wurde bislang ohne Einschränkungen geraucht, bei jeder Sitzung, im Freundeskreis, zum Abschluss einer guten Mahlzeit. Ich kenne einige Fälle, wo hemmungsloses Rauchen zu nicht mehr heilbaren Krankheiten geführt hat, aber ich kenne keinen Fall, bei dem jemand unzweifelhaft wegen Passivrauchen gestorben ist.
An den Pranger gestellt wird immer wieder »Big Tobacco«, gemeint ist damit die Tabakindustrie, die sich einzig und allein wegen des Strebens nach Gewinn über alle gesetzlichen Einschränkungen hinwegsetzen und immer wieder nach »Schlupflöchern« suchen würde. Dabei ist der nie in Erscheinung tretende Staat der größte Nutznießer dieser Branche, der über die Tabak- und Mehrwertsteuern das Zigfache von dem abschöpft, was letztlich der Industrie als Gewinn übrigbleibt. Und wer ist dieser Staat? Das ist das Volk, das sind wir alle. Damit schneidet sich jeder, der diese Branche vernichten will, ins eigene Fleisch.
TEXT: HEINRICH VILLIGER
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